Im Tessin stehen vier Golfanlagen. Der Kanton Zürich hat vierzehn, die Waadt und Graubünden je dreizehn. Trotzdem fährt jedes Frühjahr eine erstaunliche Zahl Deutschschweizer über den Gotthard, um im Süden die erste richtige Runde des Jahres zu spielen. Der Grund steht nicht in den Golfprospekten, sondern in den Klimatabellen.
Vier Anlagen, drei richtige Plätze
Fangen wir bei dem an, was wir selber gezählt haben. In unserer Datenbank stehen vier Tessiner Anlagen: drei 18-Loch-Plätze und eine Pitch-and-Putt-Anlage. Die drei Plätze sind Patriziale Ascona am Lago Maggiore, Gerre Losone ein paar Minuten weiter westlich und Lugano in Magliaso. Dazu kommt Golf dei Castelli in Bellinzona.
Das ist wenig. Gemessen an der Zahl der Anlagen ist das Tessin einer der kleineren Golfkantone der Schweiz. Interessant wird es erst, wenn man nicht zählt, wie viele Plätze es gibt, sondern wie lange sie offen sind.
Im März 14 Grad statt 10
Die Wetterstation Locarno-Monti und die Station Zürich-Fluntern liegen rund 150 Kilometer auseinander. In den Klimanormwerten der Periode 1991 bis 2020 sehen sie aus wie zwei verschiedene Länder.
- März, mittleres Tagesmaximum: Locarno 14,0 Grad, Zürich 10,2 Grad.
- März, mittleres Nachtminimum: Locarno 5,4 Grad, Zürich 1,9 Grad.
- März, Sonnenschein: Locarno 6,5 Stunden pro Tag, Zürich 4,6 Stunden.
- November, mittleres Tagesmaximum: Locarno 11,2 Grad, Zürich 7,6 Grad.
- Über das ganze Jahr: Locarno 6,1 Sonnenstunden pro Tag, Zürich 4,6.
Das sind keine Nuancen. Im März ist es in Locarno tagsüber so warm wie in Zürich Mitte April, und die Sonne scheint zwei Stunden länger. Genau diese zwei Monate am Anfang und am Ende der Saison machen den Unterschied.
Entscheidend ist der Boden, nicht die Lufttemperatur
Der eigentliche Grund, warum ein Platz im Winter geschlossen bleibt, ist selten die Kälte an sich. Es ist der gefrorene oder durchnässte Boden. Wer auf gefrorenem Grün spielt, zerstört die Grasnarbe für Wochen. Deshalb kommen nördlich der Alpen ab November die Wintergrüns raus.
Und hier liegt der Tessiner Vorteil: Das mittlere Nachtminimum in Locarno fällt selbst im Januar nicht unter null, es liegt bei 1,2 Grad. In Zürich sind es minus 1,4 Grad. Ascona liegt zudem auf 206 Metern über Meer, wie die Tourismusorganisation Ascona-Locarno angibt. Zum Vergleich lohnt ein Blick auf die höchstgelegenen Golfplätze der Schweiz, die auf 1500 bis 2000 Metern liegen und entsprechend kurz offen sind. Welcher Platz wann überhaupt spielbar ist, steht ausführlich in Die Schweizer Golfsaison.
Ganzjährig heisst nicht 365 Tage
Alle drei Tessiner 18-Loch-Plätze werden als ganzjährig geöffnet geführt. Das stimmt, ist aber nicht ganz wörtlich zu nehmen. Ascona-Locarno Turismo nennt für Golf Ascona ausdrücklich eine Schliessung vom 25. Januar bis 15. Februar. Drei Wochen im tiefsten Winter also, in denen sich der Platz erholt.
Für die Planung heisst das schlicht: vorher nachschauen. Der Golf Club Lugano macht das angenehm einfach und zeigt auf seiner Startseite den aktuellen Platzstatus samt Webcam. Verbindlich ist immer der Club, nicht unsere Datenbank und auch keine Klimatabelle.
Der Preis dafür heisst Regen
Jetzt der Teil, den die Reiseprospekte weglassen. Locarno-Monti verzeichnet im Jahresmittel 1855 Millimeter Niederschlag. Zürich-Fluntern kommt auf 1108 Millimeter. Das Tessin ist deutlich nasser als das Mittelland, nicht trockener.
Der Trick liegt in der Verteilung. Locarno hat im Jahr rund 101 Regentage, Zürich 130. Es regnet im Süden also an dreissig Tagen weniger, dafür fällt an diesen Tagen fast doppelt so viel Wasser. Übersetzt auf eine Golfrunde: mehr Tage, an denen man überhaupt losfahren kann, aber heftigere Gewitter, wenn es dann kommt. Nass ist praktisch das ganze Sommerhalbjahr: Von Mai bis November liegt jeder Monat über 160 Millimetern, der August mit 212 an der Spitze. Am trockensten sind Januar, Februar und Dezember.
Was die Bewertungen hergeben
Bei den Google-Bewertungen fällt uns eine Sache auf, die mit der langen Saison zusammenhängt. Alle drei Tessiner 18-Loch-Plätze haben rund 300 Bewertungen: Lugano 315, Ascona 300, Losone 291. In der ganzen Schweiz kommen nur zwanzig Anlagen auf 280 Bewertungen oder mehr. Drei davon stehen im Tessin, einem Kanton mit ganzen drei Plätzen.
Das ist kein Qualitätsurteil, sondern ein Frequenzsignal: Hier spielen viele Gäste, und sie spielen über mehr Monate verteilt. Bei den Noten liegt Gerre Losone mit 4,7 Sternen aus 291 Bewertungen über dem Schweizer Schnitt von 4,54 Sternen, den wir über 107 bewertete Anlagen rechnen. Lugano kommt auf 4,5, Ascona auf 4,4. Wer die aktuellen Ranglisten sehen will, findet sie live in unseren Bestenlisten.
Die drei Plätze, kurz einsortiert
Patriziale Ascona ist der älteste der drei. Der Club wurde im März 1928 gegründet, das Clubhaus stammt von 1932, den Platz zeichnete der englische Architekt C. K. Cotton. 18 Löcher, 5578 Meter, flach, direkt am Wasser. Der Club ist GEO-zertifiziert und trägt bei Swisstainable die höchste Stufe.
Gerre Losone ist mit Abstand der jüngste: eröffnet im Sommer 2001, entworfen von Peter Harradine, 18 Löcher, Par 72, eingebettet in Kastanienwälder. Dazu gehören eine grosse Driving Range mit Trackman-System, zwei Puttinggreens, ein Pitch-and-Putt-Bereich und ein Academy-Platz mit drei Löchern. Von den vier Anlagen ist das die mit dem breitesten Übungsangebot.
Lugano in Magliaso spielt 18 Löcher mit Par 70, das Greenfee startet nach unseren Daten bei CHF 110. Bemerkenswert ist das Clubrestaurant: 4,7 Sterne aus 98 Bewertungen. Das ist eine Kombination, die man seltener sieht, als man denkt. Viele Clubrestaurants glänzen mit einer Bestnote aus zwölf Stimmen, und die sagt wenig. 98 Stimmen sagen etwas.
Für Einsteiger ist das Angebot dünn
Wer noch keine Platzreife hat, findet im Tessin wenig. Golf dei Castelli in Bellinzona ist die einzige reine Pitch-and-Putt-Anlage im Kanton. Zu ihr liegen uns keine Google-Bewertungen vor. Das heisst nicht, dass sie schlecht ist, sondern nur, dass wir dazu nichts Belastbares sagen können. Preise und Öffnungszeiten erfragst du direkt beim Betreiber.
Die Alternative ist der Academy-Platz in Losone. Ansonsten gilt für den Einstieg das, was wir in Kurzplatz und Pitch-and-Putt beschrieben haben: Diese Anlagen stehen gehäuft im Mittelland, nicht im Süden.
Wann sich die Fahrt wirklich lohnt
Im Juli spielst du im Tessin bei 27,5 Grad mittlerem Tagesmaximum, und jeder Platz nördlich der Alpen ist ebenfalls offen. Dann ist die Fahrt über den Gotthard schwer zu begründen. Die zwei Fenster, in denen sich der Süden rechnet, sind Februar bis April und Oktober bis Dezember.
Genau in diesen Monaten sind die Preise oft auch angenehmer, weil sie ausserhalb der Hochsaison liegen. Wie du dabei zusätzlich sparst, steht in Greenfee sparen in der Schweiz. Und wenn du dir die vier Anlagen mit Karte, Bewertungen und Details anschauen willst, findest du sie gebündelt auf unserer Kantonsseite Tessin.
Kurz zusammengefasst
- Das Tessin hat nur vier Golfanlagen: drei 18-Loch-Plätze und eine Pitch-and-Putt-Anlage in Bellinzona.
- Im März liegt das mittlere Tagesmaximum in Locarno bei 14,0 Grad, in Zürich bei 10,2. Die Sonne scheint 6,5 statt 4,6 Stunden am Tag.
- Das mittlere Nachtminimum bleibt in Locarno selbst im Januar bei 1,2 Grad über null. Deshalb friert der Boden kaum, und die Plätze bleiben offen.
- Ganzjährig ist nicht wörtlich: Golf Ascona schliesst laut Ascona-Locarno Turismo vom 25. Januar bis 15. Februar.
- Der Süden ist nasser, nicht trockener: 1855 Millimeter Niederschlag im Jahr gegenüber 1108 in Zürich, verteilt auf dreissig Regentage weniger.