Ein Fuchs, der einen Ball mitnimmt, ist eine Anekdote. Ein Platz, auf dem über 300 Kängurus wohnen, ist ein Betriebskonzept. Auf einigen Anlagen der Welt gehören Tiere so fest zum Platz wie Bunker und Grüns: mit eigenen Platzregeln, mit Sicherheitspatrouillen, mit Elektrozäunen rund um jedes Grün.
Drei dieser Plätze schauen wir uns an. Und danach die Frage, die auf jeder Runde irgendwann kommt: Was gilt eigentlich, wenn eine Krähe deinen Ball wegträgt?
Skukuza: neun Löcher ohne Zaun im Kruger-Nationalpark
Der Skukuza Golf Club liegt am Rand des Rastlagers Skukuza, mitten im südafrikanischen Kruger-Nationalpark. Gespielt wird auf neun Löchern mit 18 Abschlägen, Par 72. Der Club gibt 5950 Meter von den Herrenabschlägen an. Bunker hat der Platz keine, dafür sehr viele Bäume, die der Club selbst als "aerial bunkers" bezeichnet.
Der entscheidende Satz steht auf der Website des Clubs: Die Anlage ist nicht eingezäunt. Flusspferde, Impalas, Warzenschweine und Paviane sind reguläre Gäste. Das Signature-Loch ist die Neun, ein Par 3 über rund 150 Meter, gespielt über den Lake Panic. In diesem See leben Nilkrokodile und Flusspferde.
Gebaut wurde der Platz ursprünglich als Freizeitanlage für die Angestellten des Parks, 2022 feierte er sein 50-Jahr-Jubiläum. Heute darf jeder Parkbesucher spielen. Laut einem CNN-Bericht fährt das Greenkeeping-Team vor dem ersten Abschlag den Platz ab und markiert, wo Tiere stehen; danach wird den ganzen Tag weiter patrouilliert. Vertrieben wird nichts. Stattdessen werden einzelne Löcher gesperrt, im Zweifel der ganze Platz.
Das ist die eigentliche Lehre aus Skukuza. Nicht der Golfplatz hat Vorrang, sondern das Tier.
Anglesea: über 300 Kängurus, die einfach bleiben
Der Anglesea Golf Club an der Great Ocean Road im australischen Bundesstaat Victoria wirbt nicht damit, dass man dort trotz der Kängurus spielen kann. Er wirbt mit den Kängurus.
Auf der Anlage lebt nach Angaben des Clubs eine Kolonie von mehr als 300 östlichen Grauen Riesenkängurus. Der Club fährt täglich geführte Touren über den Platz, 25 Minuten in einem Fahrzeug mit 13 Plätzen. Golf und Wildtierbeobachtung finanzieren sich hier gegenseitig.
Für Spielerinnen und Spieler heisst das vor allem eines: Die Tiere sind an Menschen gewöhnt. Sie räumen die Bahn nicht, wenn eine Gruppe kommt. Wer in Anglesea spielt, spielt zwischen ihnen hindurch.
Brora: fünf Schafe und eine Kuh pro Weideanteil
Der interessanteste Fall ist der schottische Links-Platz in Brora, nördlich von Inverness. Denn hier teilen sich nicht Wildtiere den Platz mit den Golfern, sondern Nutztiere. Und zwar per Recht.
Brora startete 1891 als Neun-Loch-Platz auf Farmland an der Nordsee. 1923 kam James Braid und legte den heutigen Kurs an; er berechnete dafür 25 Pfund plus Spesen. Der Platz misst rund 6110 Yards. Der Club teilt sich das Land seit jeher mit Bauern, die historische Weiderechte halten. Diese Rechte sind in 48 Anteile geteilt, und jeder Anteil berechtigt zu fünf Schafen und einer Kuh auf der Weide.
Daraus folgt eine Lösung, die es sonst nirgends gibt: Seit 1967 ist jedes Grün von einem knapp 60 Zentimeter hohen Elektrozaun umgeben, damit das Vieh nicht auf die Puttfläche kommt. Der Zaun gilt als unbewegliches Hemmnis, ein Schlag gegen den Draht darf wiederholt werden. Unter Golfern kursiert dazu der Spruch, man erkenne ein Brora-Mitglied überall auf der Welt daran, dass es das Bein hebt, bevor es ein Grün betritt.
Der Club hat dafür eigene Platzregeln geschrieben. Eine davon besagt, dass Tierkot wie zufälliges Wasser behandelt werden darf.
Unumstritten ist das Arrangement längst nicht mehr. Anfang 2025 stimmten die Mitglieder dafür, das Vieh vom Platz zu verbannen; genannt wurden Kot auf den Fairways und beschädigte Bunker. Umsetzen lässt sich das aber nicht im Alleingang, weil Brora sich das Land mit Highland-Croftern teilt und ein Gericht zustimmen müsste. Ob am Ende die Zäune oder die Schafe verschwinden, ist offen.
Was die Golfregeln sagen, wenn ein Tier mitspielt
Die gute Nachricht: Das Regelbuch hat für fast jeden Tierfall eine Antwort, und meistens kostet sie keinen Schlag.
- Ein Tier trägt deinen Ball weg. Ist es bekannt oder so gut wie sicher, dass ein Tier deinen ruhenden Ball bewegt hat, greift Regel 9.6: kein Strafschlag, der Ball kommt zurück an die ursprüngliche Stelle. Ist die nicht bekannt, wird sie geschätzt.
- Der Ball liegt in einem Tierloch. Tierlöcher gelten als ungewöhnliche Platzverhältnisse. Nach Regel 16.1 gibt es dafür straflose Erleichterung.
- Ein gefährliches Tier ist im Weg. Die Regeln kennen tatsächlich den Fall "dangerous animal condition". Wenn ein gefährliches Tier in der Nähe deines Balls dich ernsthaft verletzen könnte, darfst du nach Regel 16.1b straflos droppen. Der R&A nennt als Beispiele eine Giftschlange und einen Alligator.
- Ein Tier sitzt neben deinem Ball. Du darfst es zum Weggehen bewegen. Setzt sich der Ball dabei in Bewegung, gilt wieder Regel 9.6: zurücklegen, keine Strafe.
Was das Regelbuch nicht abdeckt, regelt der Club. Genau dafür gibt es Platzregeln wie die von Brora.
Und in der Schweiz?
Krokodile haben wir keine. Kühe schon.
Der spannendste Schweizer Fall ist gar kein fester Golfplatz. Auf der Engstligenalp oberhalb von Adelboden entsteht im Herbst GolfMountain, nach Angaben der Betreiber ein 18-Loch-Platz mit Par 64 auf rund 2000 Metern. Der Platz existiert nur wenige Wochen im Jahr, und der Grund dafür ist die Landwirtschaft: Gespielt wird erst, wenn das Vieh im September von der Alp kommt und die Weide frei wird. Danach wird der Platz wieder abgebaut. Die genauen Daten hängen von Wetter und Grasstand ab und stehen jedes Jahr neu beim Betreiber.
Auf den festen Bergplätzen ist die Nachbarschaft weniger spektakulär, aber vorhanden. Riederalp im Wallis liegt auf knapp 2000 Metern, ist autofrei und nur mit der Seilbahn erreichbar. Goms bei Obergesteln liegt in einem Hochtal, in dem sich Landwirtschaft und Golf die Talebene teilen. Alle Anlagen der Region findest du auf unserer Kantonsseite Wallis, und welcher Schweizer Platz wie hoch liegt, steht in Die höchstgelegenen Golfplätze der Schweiz.
Und dann ist da noch Les Bois im Jura. Der Platz liegt auf den Freibergen, einer Hochebene, die überregional nicht für Golf bekannt ist, sondern für Pferde. Nebenbei ist er mit 4.7 Sternen aus 437 Google-Bewertungen einer der am besten und zugleich am breitesten bewerteten Plätze der Schweiz. Diese Kombination schaffen in unseren Daten nur wenige Anlagen.
Wer Plätze mag, die aus dem Rahmen fallen: In Die 5 verrücktesten Golfplätze der Welt geht es um Anlagen, die aus ganz anderen Gründen ungewöhnlich sind.
Kurz zusammengefasst
- Skukuza im Kruger-Nationalpark ist nicht eingezäunt. Flusspferde, Paviane und Warzenschweine sind normal, das Signature-Loch geht über einen See mit Krokodilen.
- Anglesea in Australien beherbergt über 300 Kängurus und macht daraus ein eigenes Tourenangebot.
- Brora teilt sein Land mit Croftern: 48 Weideanteile zu je fünf Schafen und einer Kuh, dazu seit 1967 Elektrozäune um jedes Grün.
- Regel 9.6 und Regel 16.1 decken fast alles ab: Tier trägt den Ball weg, Ball im Tierloch, gefährliches Tier im Weg. In der Regel straflos.
- Der Schweizer Extremfall ist GolfMountain auf der Engstligenalp: ein Platz, der erst aufmacht, wenn die Kühe von der Alp sind.
Ein Hinweis noch: Zugang, Saison und Öffnungszeiten ändern sich, gerade bei Anlagen in Naturschutzgebieten und bei einem Platz, der nur ein paar Wochen im Jahr steht. Verbindlich ist immer der Betreiber.